[Politik] Roger Köppel hat nichts gegen ein bisschen Folter - ich schon

"Die Welt"-Chefredakteur Roger Köppel, der Schweizer Leserschaft spätestens seit den Weltwoche-Zeiten ein Begriff, setzt sich in "seiner" Zeitung für Folter ein. Ausnahmsweise gibt's nachfolgend in ausführlicher Art und Weise massenweise Auszüge aus dem Artikel, geschmückt mit meinen unqualifizierten Kommentaren:
Wie wird man Informationen von Terroristen erhalten, die sich bei einer Tasse Tee durch gutes Zureden nicht beirren lassen? Ist der Rückgriff auf Folterpraktiken in absoluter Weise zu verurteilen und zu bannen, selbst wenn es darum geht, daß sich eine Rechtsordnung gegen Feinde schützen muß, die sich außerhalb des Rechts bewegen?
Sind das noch Suggestivfragen oder sind wir schon im Bereich der rhetorischen Fragen?

Ausserhalb des Rechts bewegen sich, werter Herr Köppel, auch Mörder, Erpresser, Diebe, Kiffer, Raser, Bettler etc. Muss sich die Rechtsordnung auch gegen diese Feinde schützen ... mit "Rückgriff auf Folterpraktiken", sprich: Folter? Bzw. wo sollen wir (ja, nicht "die Rechtsordnung", sondern wir) denn die Grenzen ziehen? Und ausserdem: es handelt sich jeweils um Terrorismus-Verdächtige, solange keine gerichtliche Verurteilung vorliegt. Aber zurück zu Roger:
Man sollte sich keinen Heucheleien hingeben. Im Bedrohungsfall hat noch jeder Rechtsstaat seine Normen außer Kraft gesetzt, um das Recht zu schützen.
Recht ausser Kraft setzen, um Recht zu schützen also? Ganz genau. Selbstverständlich jedoch lediglich im "Bedrohungsfall". Dumm nur, dass wir ständig bedroht sind, was sag ich!: mitten im Krieg stecken. Gestern war's der Krieg gegen den Kommi, es folgte der Krieg gegen die Drogen. Heute: Krieg gegen den Terrorismus und morgen? Wer weiss, vielleicht Krieg gegen Pitbulls, notorische Falschparker und nervtötende Strassenmusikanten mit einem Repertoire unter fünf Liedern?
Die europäische, vor allem die deutsche Öffentlichkeit tendiert dazu, die Politik der Amerikaner zu verdammen. Es ist Konsens, daß es keine Rechtfertigung dafür gibt, mutmaßliche Bombenleger, Terrormoslems, verdächtige Personen in Gewahrsam zu nehmen und Verhörmethoden auszusetzen, die einem zivilisierten Staatsverständnis nicht entsprechen.
Es spricht ein Meister der Euphemismen: "in Gewahrsam zu nehmen"? = Freiheitsberaubung! "Verhörmethoden auszusetzen, die einem zivilisierten Staatsverständnis nicht entsprechen" = Folter!

Weiter geht es hier nicht um einen Widerspruch zu "einem zivilisiertem Staatsverständnis" sondern um konkrete Verletzungen der Bestimmungen der Strafgesetzbücher und des Folterverbots.

Wunderbar jedoch, dass "es Konsens ist", dass es für Freiheitsberaubung und Folter keine Rechtfertigung gibt. Aber haben wir denn wirklich einen Konsens? Nun, beinahe, denn einer schert schon wieder aus: Roger.
Man beruft sich auf Kant, um an den Grundsatz zu erinnern, daß "die Politik jederzeit dem Recht angepaßt werden" muß, aber nicht umgekehrt das Recht der Politik. Interessanterweise belegt ein Blick auf die deutsche Geschichte, daß eine Verabsolutierung der von Kant formulierten Schönwetterdoktrin fatale Folgen haben kann.
Vorrang des Rechts vor der Politik als "Schönwetterdoktrin"? Na dann gute Nacht, wenn Sturm aufzieht. Und wir ahnen schon, was uns Herr Köppel "mit Blick auf die deutsche Geschichte" verklickern will.
Der Untergang der Weimarer Republik war der Unfähigkeit dieses Staates geschuldet, seiner Feinde Herr zu werden. Man wirft den Alliierten bis heute vor, durch eine lendenlahme Appeasement-Politik den Aufstieg Hitlers befördert zu haben, anstatt ihn unter Verletzung völkerrechtlicher Prinzipien frühzeitig aus dem Verkehr zu ziehen.
Foltern für "nie mehr Auschwitz"? Ein toller Vergleich. Aber Roger ist ja nicht der Erste, der auf diese Weise lästige Rechtsvorschriften zu umschiffen versucht. Man mag sich noch an den völkerrechtswidrigen Jugoslawien-Krieg, Entschuldigung, an die "humanitäre Intervention in Jugoslawien" erinnern. Das man mit derlei Schwachsinn die Verbrechen der Nazis verharmlost, sein nur nebenbei bemerkt. Aber eigentlich hat's Roger ja gar nicht so gemeint, denn:
Natürlich läßt sich der Islamo-Nihilismus nicht mit den Begriffen des Weltbürgerkriegs zwischen Nationalsozialismus und Internationalsozialismus fassen.
Eben, wer würde denn ... aber halt mal! "Weltbürgerkrieg zwischen Nationalsozialismus und Internationalsozialismus"? Ich zähle mich eigentlich zu den einigermassen gebildeten Leuten, aber von diesem Krieg hab ich meiner Lebtage noch nie gehört. Sind das neue Begrifflichkeiten, prophetische Gaben oder doch bloss irgendwelche im Wald gefundenen Pilze, die da aus Herr Köppel sprechen? Aber ich schweife ab, und das soll nicht sein. Also zurück zu unserem Vergleich, der ja eigentlich keiner ist. Oder doch?
Aber der Vergleich belegt, daß sich der aufgeklärte Diskurs über dieses Thema in einem offensichtlichen Selbstwiderspruch befindet. Rechtsordnungen müssen aus Selbstschutz ihre zivilisatorischen Standards unterschreiten, wenn es der Notfall erfordert.
Ei, der arme Diskurs. Er befindet sich in einem Selbstwiderspruch. Vielleicht weil er zu "aufgeklärt" ist? Aber egal, denn was will uns Chefredaktor Köppel da verzapfen? Genau: Entführen und Foltern ja, aber natürlich nur "im Notfall".
Die Forderung nach einem totalen A-priori-Verzicht auf harte Verhörmethoden mag Ausdruck des reinen Gewissens sein. Sie taugt nicht als Maßstab für eine Realpolitik, die am Ende die eigene Bevölkerung vor Übergriffen schützen muß.
Beim Folterverbot (resp. beim "totalen A-priori-Verzicht auf harte Verhörmethoden" ... ha, "Verzicht!", das tönt so schön nach Grosszügigkeit) geht es nicht um das "reine Gewissen", sondern um eine rechtsstaatliche Errungenschaft, die Herr Köppel offensichtlich so erringenswert nicht findet.

Und ist es denn tatsächlich die Realpolitik oder nicht etwa doch eher der Rechtsstaat mit seinen Gehilfen Polizei und Justiz, der uns schützen muss?
Das Problem liegt nicht darin, daß sich bedroht fühlende Gesellschaften aus Selbstschutz mit extremen bis widerrechtlichen Methoden zur Wehr setzen.
Doch genau darin liegt das Problem. Auch wenn man sich "bedroht fühlt", sind widerrechtliche Methoden, sprich Folter, einfach nicht drin.
Das Problem liegt darin, wer die Verantwortung trägt für die Handlungen, die nicht rechtlich, nur politisch legitimiert werden können. Am Ende liegt diese Verantwortung beim Souverän, beim Staatsoberhaupt.
Dieses "Problem" ergibt sich erst gar nicht, wenn man sich an das völkerrechtliche Folterverbot und die eigenen Gesetze hält. Und also nur Handlungen vornimmt, die nicht nur politisch, sondern auch rechtlich legitimiert sind - wie sich's für einen Rechtsstaat gehört.

Und übrigens: Das Staatsoberhaupt als Souverän? Und ich dachte immer, das Volk sei der Staatssouverän. So kann man sich täuschen.
Es kann nicht sein, daß eine amerikanische Regierung subalterne Folterwächter aburteilen läßt, wenn gleichzeitig eine Außenministerin händeringend die Praktiken verteidigt, die in einer Grauzone rechtsstaatlicher Normen liegen.
"In einer Grauzone rechtsstaatlichen Normen"? Das wäre dann wohl das Dunkelgrau namens Schwarz.

Aber sonst kann ich der Aussage Köppels nur zupflichten. Was sind demnach die Konsequenzen? Strafanzeige gegen "Condi"? Aber nein, im Gegenteil! Die "subalternen Folterwächter" brauchen lediglich genaue Regeln und das Plazet des Präsidenten, so die geniale Lösung von R. Köppel. Die allerdings nicht er ausbebrütet hat:
Der amerikanische Anwalt Alan Dershowitz hat es so formuliert: Extreme Verhörmethoden, Folterpraktiken können in extremen Fällen bewilligt werden, aber nur auf Veranlassung des Präsidenten. Er trägt die Verantwortung, wenn die Dinge außer Kontrolle geraten.
Au ja, der Präsident entscheidet, wann gefoltert wird. Oder vielleicht der Papst, denn der ist sogar ganz unfehlbar und hat noch nie fälschlicherweise Massenvernichtungswaffen in anderen Staat vermutet oder Probleme mit Bretzeln gehabt. Und wenn bei den "extremen Verhörmethoden" die "Dinge ausser Kontrolle geraten", kann man ihn ja immer noch am Öhrchen zupfen. Oder ein bisschen foltern?

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Matthias (Gast) - 9. Dez, 14:36

Einfache Lösung

Man kann lange theoretisch darüber diskutieren. Aber letztendlich geht es ja um eine ganz handfeste Sache, nämlich die praktische Definition von Folter. Und da gibt es eine ganz einfache Lösung: Die Befürworter überprüfen es am eigenen Körper.

"Hmm ja, also die brennende Zigarette auf der Backe hat verdammt weh getan. Bei den Elektroschocks an den Eiern bin ich vor Schmerz ohnmächtig geworden. Diese zwei Methoden wollen wir lieber von der Liste streichen. Aber die paar Ohrfeigen fand ich OK, das kann ich durchaus befürworten."

Auf diese Weise wäre auch Herr Köppel recht schnell bei einer Liste akzeptabler Verhörmethoden angelangt :-).

krs (Gast) - 9. Dez, 23:50

Danke für den ...

tragikomischen Verriss des Artikels!

Leider liegt die Folterdiskussion auch in juristischen Fachkreisen auch in Europa gar nicht so fern: Ich kann mich sehr gut an eine Vorlesung erinnern, an der die Folterdiskussion kurz nach dem Mord an Jakob von Metzler (vgl. u.a. //geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2005/2270/ ) diskutiert wurde. Darf man, um ein unmittelbar bedrohtes Leben zu retten, foltern? Falls ja, wie weit? Wenn nicht, hat das eine Auswirkung auf den Status des Lebens, das es heute geniesst, speziell dann, wenn man die Ansicht vertritt, dass das Leben den höchsten Schutz verdiene?

Gerade der Fall von Metzler macht es nicht einfach, denn die zuletzt gestellte Frage zeigt klar auf, in welche Richtung es allenfalls gehen könnte: zur Abwertung des Lebens.

Ich möchte mich kurz fassen: ich bin gegen Folter, und gerade das Beispiel von Metzler hat auch die Grenzen von Folter geziegt. Denn zu diesem Zeitpunkt, als der Polizeichef die Folter androhte, war Jakob (leider) bereits tot. Es hätte also allenfalls eine weitere Verletzung eines Menschenrechts (Leben des Jakobs und Unversehrtheit des Lebens des Angeklagten) gegeben, die aber im Vorneherein nichts genutzt hätte. Die Folter hat da also potentiell nur eine sehr geringe "Erfolgsquote", wenn ich das mal so sagen darf. Die ist aber so gering, dass sie tatsächlich wohl kaum je in einem Verhältnis stehen könnte, um mal den Rechtsstaat sozusagen kurzfristig zu gefährden. Und dieser sollte lieber gar nie gefährdet werden, denn auch Hitler wollte den §48 der Weimarer Republik nur kurzfristig nutzen...
...kurzfristig sollte aber unser Roger wieder sein Hirn einschalten!

Lexx77 - 9. Dez, 23:54

Schwierig, schwierig

Nehmen wir an, Dein liebster Mensch wird in 5 Stunden von jemandem umgebracht, wenn Du ihn nicht findest (nein, nein, das ist ganz sicher nicht an eine bekannte Fernsehserie angelehnt!). Du hast einen der zwei Personen in Deiner Gewalt die weiss, wo Dein Allerliebstes Herzblatt, Deine bessere Hälfte, Dein Herz sozusagen sich befindet. Bist Du Dir da so sicher, dass Du ihn einfach fünf Stunden lang fragen würdest wo sich denn jetzt wohl gerade Dein Leben und Deine Liebe befinde? Und würde es Dich befriedigen wenn das Liebste was Du hast nach diesen fünf Stunden tot ist, weil es dem Verhörten am A... vorbeigeht was Du ihn fragst und er höchstens 25 Jahre in den Knast muss, bei guter Führung weniger und da er ja die andere Person nicht getötet hat sondern nur Beihilfe geleistet hat oder nicht einmal das, kommt er vielleicht mit ein paar Jahren gemütlich im warmen Bettlein liegend und etwas fernsehend (fernseh sehend?) davon?
Ganz ehrlich, auch wenn ich es ungern zugebe und ihr mich zerreissen mögt (sinnbildlich selbstverständlich, denn das würdet ihr ja sonst NIE machen), ich könnte das nicht. Könnte nicht zusehen wie der Andere mich angrinst und ich ihn nicht anfassen darf. Es wäre mir nicht genug und nur Verhören zu dürfen und ihm nicht auch einmal so richtig Eine... ihr wisst schon. Folter hin oder her.
Wir können mit unseren theoretischen Gedanken diese Extremsituationen nicht nachvollziehen glaube ich. Wie wir in jedem Krieg sehen sind fast alle Menschen zu Unglaublichem fähig wenn es sein muss. Dabei meine ich nicht einen schwer greifbaren "Krieg" wie der Krieg gegen den Terror, sondern richtiger Krieg.
Ich jedenfalls für meinen Teil kann die Verzweiflung die zu Folter führt nachvollziehen. Was nicht heissen soll, man sollte sie jetzt auf politischer Ebene oder gar auf gesetzlicher Ebene einführen oder gutheissen. Nur wie man auch an mir sieht, kann man irgendwie nicht anders als um den heissen Brei herumreden wenn es um dieses Thema geht, denn wenn wir ehrlich sind zu uns selber, und es uns ganz, ganz persönlich betreffen würde... Was würdet ihr tun?

gebsn - 10. Dez, 01:00

Ich gebe zu ...

... ich weiss auch nicht, wie ich in einem solchen Moment reagieren würde. Aber dasselbe gilt, wenn z.B. mein Bruder ermordet würde und ich den Mörder vor mir hätte. Genau deshalb legt man die Justiz in die Hände des Staates und urteilt nach abstrakten Massstäbe.

Und nicht vergessen: es handelt sich um Verdächtige. Es ist also in den seltensten Fällen klar, dass der zu (oder eben nicht zu) Folternde wirklich ein Verbrechen begangen hat und es nur noch darum geht, andere Leben zu schützen. Und wer würde nicht auch alles Mögliche zugeben, wenn ihm mit Folter gedroht würde?
krs (Gast) - 10. Dez, 12:36

Ich gebe auch zu...

in einem solchen Fall würden bei mir wohl ebenfalls die Sicherungen durchgehen. Aber wie schon gebsn richtig sagte: Deshalb ist der Staat dafür zuständig, deshalb gilt auch das Verbot des "Anscheins der Unbefangenheit". Wenn ich also in einer solchen Situation wäre, wäre ich nicht mehr unbefangen und dürfte nicht in einem solchem Fall mit arbeiten. Dafür hätten Mechanismen des Staates dafür zu sorgen. Schon klar, jetzt kann man sagen: was ist wenn? Tja, dann geh ich eben dafür ins Gefängnis, der Liebe zum geretteten (oder nicht geretteten) Menschen und des Rechtsstaates eben.
Lexx77 (Gast) - 10. Dez, 18:47

Aller guten Dinge sind drei

Ich gabe auch zu, sicherlich muss jemand "Neutrales" solche Angelegenheiten regeln. Nur habe ich bis jetzt in meinem kurzen Leben die Erfahrungen gemacht, dass es "neutral" nicht gibt. Wir sind immer irgendwie verwickelt, ahebn persönliche Meinungen, Erfahrungen. Es stimmt, dass ich nicht beurteilen kann, wie das Richter handhaben aber wenn ich mir da gewisse Urteile ansehe, wenn ich mir die Biegsamkeit des Rechts anschaue was nichts, aber gar nichts mehr mit ethischem Recht zu tun habe, dann zweifle ich doch schon sehr an dem System. Ich bin absolut dafür, dass wir Regeln brauchen und diese befolgen müssen, dass wir auch den Einzelnen schützen müssen, auch vor Übergriffen des Staates, doch glaube ich nicht, dass wir es so allgemein, staatlich und losgelöst von persönlichen Färbungen, Meinungen und Einflüssen ansehen können. Wir können doch hingehen wo wir wollen... Alles hat etwas mit "Vitamin B", die richtigen Leute kennen oder wissen wie man es machen muss zu tun. Ich wage mal zu behaupten das wird beim "Recht" bzw. der Rechtssprechung auch nicht anders sein.
Allerdings lösen diese Ausführungen das Thema der Folter nicht.
Ich komme mit mir selber zu keinem richtigen Punkt wie man merkt. Aber schön, wenn ihr gefestigte Meinungen dazu habt. Ich werd's nochmal überdenken.
eqeqo (Gast) - 18. Jan, 18:06

Folter ja?

Folter existiert auf diese welt. man darf sie aber nicht institutionaliseren.
Du darfs folter, in deinem Beispiel, aber dafuer setzt du dich ausserhalb der Gesetze. So ist es und so soll es bleiben. Wenn Dir das Leben deines Herzens so wichtig ist, dann bist du auch sicherlich bereit dafuer die rechtlichen Konsequenzen (Verantwortung) zu uebernehmen, anders darf das auch nicht sein.
LG
eqeqo
Anonym (Gast) - 10. Dez, 12:15

Es geht hier nicht darum, ob Folter, wie im Falle Jakob Metzlers, angemessen erscheint oder nicht. Ich hätte dem Entführer ebenfalls den Arm verdreht.
Das ist ein Punkt an dem man sich bitte nicht festbinden lassen sollte.

Es geht hier um Macht. Der Staat ist ein Konstrukt. Deshalb kann ich die Aktivitäten des Staates nicht als solche bemessen, da Menschen und deren Motivationen hinter einem Staat stecken. Staat wird seit Jahrhunderten auf verschiedene Weise gebraucht bzw. ebenso mißbraucht. Es gibt Staaten, deren Vertreter ausgezeichnete soziale Einstellungen pflegen und diese über dementsprechende Gesetze an ihre Mitbürger weitergeben.

Und es gibt welche, die diese Sozialempfindung nicht besitzen, nie besessen haben, sie heucheln und auch soziale Normen nur als Mittel zum Zweck betrachten, Mittel, die man aufkündigen kann, wenn man sie nicht mehr brauch bzw. wenn diese dem Machtanspruch im Wege stehen.

Wie bei uns.

Der deutsche Staat, mit seinen Vertretern und Tonangebern, ist wieder an einem Punkt angelangt, an denen der eigene Größenwahn eine Möglichkeit sieht, die anständigen und auch notwendigen Richtlinien des Deutschen Grundgesetzes auszuhebeln.

Das Thema Bedrohung ist ein abstrakter Begriff. Wann ist da Folter angebracht, wann nicht? Ich sagte schonmal: Man darf sich nicht an dieser Frage festbinden lassen. Man bleibt sonst stehen.

Folgender Ausspruch Zbigniew Brzezinskis aus seinem Buch »The Grand Chessboard« der sich zwar auf die Neuausrictung der USA im 21. Jahrhundert bezieht, dennoch ebenso auf Deutschland anwendbar ist, möchte ich hier zitieren:

"In order to rule autocratic, we have to become autocratic."
Heißt: Um herrschen zu können, müssen wir herrschen lernen.

Ganz klar: Die Damen und Herren sind größenwahnsinnig!


Nur dadurch läßt sich meine folgende Aussage erklären:
Um wieder foltern zu können (d.h. um Macht auszuüben, um zu intimidieren,
um die Leute auf „Linie zu bringen”, um unsere Machtgelüste auszuleben),
müssen wir ein Bedrohungsszenario schaffen und dieses füttern. Jahrelang.
In unterschiedlichster Weise. Z.B.: Wir lassen Kinderschänder vorzeitig frei, hoffen, daß diese paar Kinder vergewaltigen, die Bevölkerung ist empört und schreit geradezu nach Maßnahmen. Wir liefern diese: DNA-Test, Überwachung, Abhören, etc. Und ... ein bißchen Folter.

Wir entführen eine Deutsche im Irak. Wir tun nur so. Doch senden es medienwirksam auf allen Medienträgern. Nur das die Frau für das AA und den BND arbeitet, verschweigen wir. Archäologin zu sein, war immer ein gutes Cover für Auslandseinsätze. Besonders wenn diese nur nach Ägypten, Irak, Iran, Jemen, Syrien, Jordanien, etc. führen. Seltsame Ziele, oder? Aber, die Leute sind wieder empört und aufgehetzt durch die BILD bekommen wir einen weiteren Fuß in die Tür für eine bundesweite Akzeptanz der Folter.

Wir lassen durch den CIA einen unserer Mitbürger entführen. Lassen die CIA die Drecksarbeit machen, weil wir, der BND, unsere Finger nicht dreckig machen wollen. Und wenn es rauskommt, schieben wir's auf die Amis. Warum? Wir wollen wissen, inwieweit sich die Opposition in unserem Land vernetzt hat, wer mit wem und wie. Bedrohung? Klar, fühlen wir uns bedroht. Haha.

Und deswegen müssen wir foltern. Weil wir euch anders nicht mehr beikommen können. Ihr seid uns ZU selbständig geworden, liebes Volk.

gebsn - 10. Dez, 17:53

Ich weiss nicht

Danke für den ausführlichen und interessanten Kommentar. Vielleicht steckt doch noch etwas Optimismus (oder ist es Naivität) in mir. Jedenfalls hoffe ich, dass der Staat resp. die Regierung nicht so abgebrüht und zynisch ist, absichtlich Verbrechen zu provozieren, um dann anschliessend mit harter Hand durchgreifen und an unseren Bürger- und Menschenrechten sägen zu "müssen" - zumindest bei uns in der Schweiz. In Deutschland als aufstrebener Grossmacht sieht das vielleicht anders aus.
Lexx77 (Gast) - 10. Dez, 18:40

Ja sicher...

Ihr habt selbstverständlich ebenso recht. Was der Herr Anonym da von sich gibt ist gar nicht so abwägig und wer sich etwas länger mit diesen Verschwörungstheorien beschäftigt, der kann keinen Fuss mehr vor die Tür setzen ohne so etwas zu sehen. Meine Skepsis dürfte ja nun schon etwas bekannt sein und so halte ich diesen Ablauf der Dinge sehr wohl für möglich. Nur wie schon im Artikel zum Irak: Was wissen wir schon? Die Medien haben eine so ungeheure Macht, es ist das absolut mächtigse Instrument um das Volk zu manipulieren und somit hat die Macht sowieso nie der Souverän, sondern die, die ihn beherrschen und manipulieren können (nicht um am Thema vorbeizurene, aber als Beispiel Palästina - Medien haben die Macht).
Anonym (Gast) - 10. Dez, 20:17

Ich setze sehr wohl den Fuß vor die Tür. Doch sehe ich die Dinge wie sie sind, denn ich frage mich immer: Was würde ich tun? In deren Situation. Ich denke, ein Herr Schily hat nicht sehr viele Möglichkeiten, auch ein Herr Steinmeier hat diese nicht. Stellt euch vor, sie würden Nein sagen. Oh je. Barschel ist in einer Badewanne wiedergefunden worden. Möllemanns Fallschirm öffnet sich plötzlich nicht. Das sind die Schattenseiten der Macht. Diese Menschen, und das sind sie imgrunde ja nur, haben ihre Position durch Kompromisse erkauft. Wenn diese sich plötzlich aus dem Spiel verabschieden würden, die Karriere wäre schnell beendet. Ermordung ist selbstverständlich nur das letzte Mittel, ein Mittel, daß nur einzusetzen ist, wenn derjenige ZU SEHR zu einer Gefahr würde. Eine simple Demütigung, eine Drohung oder Erpressung reicht oft aus. Doch beharrlichere Persönlichkeiten bekommen ein Ehrengeleit. Mit Salutschüssen. So ist das Spiel. Seit Anbeginn. Ob jetzt eine Frau Osthoff in Geiselhaft sitzt, ob Herr Köppel Folter bewirbt, ob Zbigniew Brzezinski nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, es ist doch immer dasselbe. Irgendwann schwimmen alle ihre Leichen den Fluß herunter. Man muß nur lange genug warten.

P.S. Es mag alles zynisch sein. Oh ja. Doch ich freue mich immer, wenn die Amseln durch meinen Garten huschen und im Frühjahr die Blumen wieder blühen.
Lexx77 - 10. Dez, 20:28

Schön

Das freut mich für Dich, die Amseln und die Blumen. Und das ist NICHT zynisch gemeint. Ich verstehe was Du sagen willst. Heisst das nun, wir sind all dem machtlos ausgeliefert?
Anonym (Gast) - 11. Dez, 16:10

Die Empfängnisbereitschaft für jegliche Medienform, sei es Zeitung, Internet, Radio oder Fernsehen ist eine Auslieferung. Ich liefere den Kopf aus. Ich zwinge mich, mit mich diesem Kontext zu befassen. „Eine Umfrage sagt aus, daß 60% der Amerikaner mit der Regierungsform George W. Bushs einverstanden sind.“ „Wieder Kind tot aufgefunden. Der Mörder hatte Freigang.” „Heute bei Christiansen. Ist Folter in diesen harten Zeiten zulässig?”

Jeder dieser Fragen zommt in den Kopf. Muß verarbeitet werden. Man kann nicht anders. Man ist darauf fixiert, trainiert. Sich nicht zu informieren, heißt dumm zu sein. Sagt schon die Muppetshow: Wer nicht fragt bleibt dumm.
Du kannst es nicht verhindern. Die Augen schauen, die Ohren hören, Du fühlst.
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Es ist eine Abhängigkeit die hier gefördert und forciert wird. Wer sich absetzt, wer sich abwendet, hat sie ja nicht mehr alle. Das Nervensystem ist vollkommen ausgeliefert, überlastet, um einen herum Handy, Computer, Playstation, DVD-Player, Haartrockner, Waschmachine, Trockner, Gasherd, Whiskey, Fernbedienung, iPod, schreiende Kinder, Hartz 4, CIA-Flüge, Condi Rice, Steinmeier, Frau Osthoff, Kommunisten, Seperatisten, Juden, Kamele, Nazis, Volkswagen, Sexaffäre, Peter Hartz, Osama, Al Quaida, Dschingis Khan, Opium, Bundeswehr, Kunduz, Struck, Jugoslawien, Schröder, Pipeline, Gas, Michael Schumacher, Heidi Klum und Seal, Pimp my Ride, Papstmobil, ...

Seid mal ehrlich. War 9/11, natürlich objektiv gesehen, keine Wahnsinnsshow?

Ich war mal eine Woche auf eine Insel. Kaum Zeitung. Im Flugzeug fast nur Deutsche. Die Stewardess lief mit einem Packen Zeitungem durch den Gang.
Genug Zeitungen. Ich sag Dir: Rauchersucht war nichts im Vergleich.
polissilop (Gast) - 12. Dez, 11:12

Giorgio Agamben

...kürzlich fand auf eDemokratie die Debatte statt, wer denn eigentlich dieser Giorgio Agamben sei. Ein italienischer Philosoph, der offensichtlich in letzter Zeit ziemlich ins Gespräch gekommen ist. Wieso ich dies hier erwähne: Kürzlich ist mir dass Büchlein "Ausnahmezustand" von ebendiesem Giorgio Agamben in die Hände gelangt. Ein absolutes Muss für jeden Foltertheoretiker oder sonstigen Retter der Demokratie im Namen des Rechtes jenseits des Rechtsstaates.

gebsn - 12. Dez, 17:57

Danke für den Tipp

Der Name kommt mir bekannt vor, habe wohl auch schon von oder über ihn gelesen.

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