Postkarte aus England (III)

Eastbourne Pier

Mit Mut und Knochenarbeit dem Ozean eine Handvoll Quadratmeter Lebensraum zur Förderung von Spiel- und Trunksucht abgetrotzt. Ein prächtiges Beispiel, wie sich die Menschheit Mutter Natur untertan macht.

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Terroristischer Anschlag in diesen Zeiten

Was würde ein terroristischer Anschlag in der Grösse von 9/11 in der momentanen Kreditkrise bewirken? Wäre ein solcher Anschlag der Todesstoss für das einbandagierte und nur dank Krücken noch einigermassen gehfähige Weltwirtschaftssystem?

Durchaus möglich. Die englische Finanzaufsichtbehörde FSA verweist in ihrem "Risk Outlook 2009" (S. 20) jedenfalls ausdrücklich auf diese Möglichkeit und befiehlt den Banken "stress testing and scenario analysis". In diesem Sinne kann man nur froh sein, dass Obama und Co. (selber von der Krise gebeutelt?) diese Schwächeperiode des Westens nicht ausnützen resp. sich nicht durch den Risk Outlook durchgekämpft haben. Da würden nicht mal mehr meine feinen Tipps helfen.

Rettung der Marktwirtschaft

Schluss mit Unkrautjäten und Düngemitteleinsatz. Die Investitionsprogramme und punktuellen Eingriffe sind ergebnislos verpufft. Jetzt muss der Finanzgarten umgegraben werden. Mit Nachdruck fordert deshalb "The Gebsn Institute" die internationale wie ausnahmslose Umsetzung der folgenden Massnahmen zur Rettung unserer geliebten Marktwirtschaft:
  • Für die Auszahlung von Löhnen werden Banknoten mit einmonatigem Verfallsdatum gedruckt. Diese Massnahme garantiert die Ankurbelung des Binnenkonsums.
  • Sparkontos werden eindirektional sistiert: Nur noch Auszahlungen sind möglich.
  • Modell "Buy and Give Back" (BAGB) anstelle von Verstaatlichung der Nationalbanken: Die Staaten übernehmen alle Aktien ihrer Grossbanken und schenken sie den ursprünglichen Eigentümern zurück. Dies verhindert negative Signale, die mit der Staatseigentümerschaft verbunden wären. Anwendbar auch für unterstützungswürdige Industriezweige (Automobil, Bau, Medien).
  • Bonipflicht für BAGB-Banken. Boni erhöhen die momentan fehlende Risikobereitschaft bei den einzelnen Bankmitarbeitern, das generelle Vertrauen der Finanzbranche und leisten über Konsum und Steuern einen unverzichtbaren Beitrag zur Ankurbelung des Finanzkreislaufs.
  • Nötig sind neue und hochrentable Investitionsmärkte. Vorschlag: weltweite Legalisierung von Drogen und Prostitution.
  • "Wirtschaftsschädigung" als neues Delikt. Hohe Zuchthausstrafen hat zu gewärtigen, wer Geldmengen hortet oder dem Wirtschaftskreislauf entzieht ("sparen"), wer Konsumgüter älter als fünf Jahre benützt und wer Unwahrheiten über das marktwirtschaftliche System und seine Institutionen verbreitet.
  • "Der Markt" wird Teil des Parlaments. Staatliche Massnahmen, die zu einer negativen Marktreaktion führen (z.B. am entsprechenden Bond-Markt) können nur mit Zwei-Drittel-Mehrheit verabschiedet werden. Dies garantiert die marktwirtschaftsgerechte Umsetzung von staatlichen Massnahmen gegen die Krise.
  • Steuersenkungen für hohe Einkommen und Unternehmen. Die Entlastung dieser wichtigen Wirtschaftsteilnehmer garantiert die Rückgewinnung von Vertrauen und Investitionsbereitschaft.

Extraordinary conditions

Extraordinary conditions
Nix geht mehr

Von "extraordinary conditions" schwafelte Boris Johnson, Wuschelkopf und Bürgermeister von London, gestern im Fernsehinterview, um den kompletten Zusammenbruch des öffentlichen Verkehrs in London zu erklären.

Zehn Centimeter Schnee sind ja auch allerhand, kann man gut verstehen. Anscheinend lässt man sich hierzulande lieber (geschätzte) 1,2 Milliarden für die Wirtschaft durch die Lappen gehen und riskiert, dass es weitere 3000 Firmen "verbläst", anstatt ein paar Pflüge für die lokalen Werkhöfe anzuschaffen.

Von italienischen Mitstudenten wurde unter der Hand und leise verlautbart, dass sogar Italien besser mit solchen Schneemassen zurechtkommt.

Die Zerstörung der Welt

Je älter man wird, desto seltener die Bücher, die einen umhauen, überraschen, begeistern. Aber es gibt sie noch. In der spärlichen Zeit, in der ich keine juristischen Schmöker wälze, habe ich dieser Tage ein brillantes Stück Buch gelesen.

"Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung" heisst das Werk und ist die Niederschrift von Robert Menasses Poetikvorlesung. Poetik? Auch, aber Menasse nutzt die Gelegenheit für einen fulminanten wie wortgewaltigen Angriff auf den Zustand der Welt und unser fehlendes Engagement, sie zum Besseren zu ändern.

Drei Auszüge:
"Unser System versprach wachsende Freiheit, Sicherheit und Partizipation – es hat dieses Versprechen erfüllt. Leider nicht uns. Sonder nur dem Kapital."

"Steuerbefreiung für grosse Unternehmen und Konzerne, wodurch sozialpolitische Einsparungen notwendig werden, die wiederum aufgefangen werden durch Wiedereinführung von Formen des Arbeitsdiensts. Verstärkte Investition in Rüstung und staatliche, nicht gesellschaftlich konsumierbare Güter, Beschneidung des individuellen Konsums. Rückkehr von der relativen zur absoluten Mehrwertproduktion, Verlängerung der Arbeitszeit und Lohnkürzungen. Herstellung gesellschaftlicher Solidarität durch äussere Bedrohungsszenarien. Preisgabe von Freiheitsrechen unter dem Vorwand von Sicherheitsmassnahmen."

"Am schlimmsten wird es dann, wenn wir nicht einmal mehr den Anspruch haben, zu wissen, was wir tun. Wir laufen der Zukunft nicht hinterher, wir laufen mit."

Güldene Zeiten

Letzte Woche riet "Investment Guru" Jim Rogers angesichts des "credit crunch" jungen Briten, sie sollen doch nach China auswandern und chinesisch lernen. Und heute muss man Folgendes aus dem Guardian entnehmen:

"The International Monetary Fund [...] warned Britain will be at the bottom of the league table of major developed countries this year"

Ein günstiger Zeitpunkt also, in Grossbritannien zu wohnen und Arbeit zu suchen. Heissa!

Erbama!

Erbamen bitte, ich halte die Obama-Hysterie nicht mehr aus, obwohl "Barry" (so seine Grosseltern) noch nicht mal vereidigt worden ist. In allen Spalten, auf allen Kanälen wird der zugegebenermassen sympathische Juristenbengel zum Retter, Jesus, Alleskönner hochgejubelt und gepriesen.

Doch schon in wenigen Monaten - da gehe ich jede Wette ein - werden dieselben Herren und Damen Journalisten empört festhalten, dass ihr damaliger Heiland die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt hat und dass der versprochene (politische) Wandel auf sich warten lässt.

Postkarte aus England (II)

Gartenzwerggorilla
Der Mensch ist ein merkwürdiges Wesen.

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Lektüreempfehlung

Es wird ja langsam peinlich, wie oft ich an dieser Stelle die Werke von Jürgen Roth über den Klee lobe. Loben muss! Denn der Kerl schreibt schlicht und ergreifend so formidabel, dass man nicht umhin kommt, seine Schriften unablässig zu preisen und möglichst viele potentielle Leser zum Erwerb seiner Schriften zu nötigen, auf dass der werte Herr Roth - in finanzielle Sicherheit gebettet - uns noch lange mit seinem Schaffen beglücken tut.

Deshalb: Husch, husch zum nächsten Kiosk geeilt und die aktuelle Titanic gekauft. Seite 20 aufschlagen und "Was Mist ist" geniessen (leider nicht online). Nur schon für diesen Artikel lohnt sich der Kauf der Titanic, die bekanntlich auch sonst ihr Geld mehr als wert ist.

Kleines Appetithäppchen aus "Was Mist ist":

"Hie das intellektuelle Hochamt, da die televisionäre Dauererniedrigung: Sie gehörten alle gehauen, von morgens bis abends, all die schwerdoofen und -akademischen und parlamentarisch nobilitierten Zu- und Aufrüster, Blendwerker und Nebelwerfer. Und lassen selbstverständlich nicht davon ab, der Debilisierung des Daseins einen weiteren rattenscharfen Schub zu geben ..."

Postkarte aus England I

Abzug

Von der Gesellschaft unbeachtet und von den Medien totgeschwiegen fristen zahllose Abzüge ein erbärmliches Leben in pitoyablen hygienischen Umständen. Vernachlässigt und ungewartet ersticken sie langsam und qualvoll am Staub, den sie pflichtbewusst und ohne Murren für ihre Benutzer aus den wohligen Stuben befördern. Und nicht mal die Herren und Damen Tauben zeigen Mitgefühl oder Dankbarkeit für den Rastplatz, den ihnen die Abzüge in grosszügiger Weise unentgeltlich zur Verfügung stellen.

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